Schubert und Brahms – Anwälte des Lebens

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Überzeugende Aufführung der Unvollendeten und des deutschen Requiems in der Alten Kirche Wupperfeld. Bergische Kantorei und Bergisches Kammerorchester brillierten.

Novemberkonzerte haben ihre eigene Atmosphäre. Sie verleihen dem Charakter dieser be-sonderen Jahreszeit und der Trauer der Menschen Ausdruck. Nicht so im Konzert der Bergischen Kantorei Wuppertal am 22.11.2014 in der Alten Kirche Wupperfeld. Hier wurde eine zahlreich erschienene Zuhörerschaft Zeuge einer seltenen anderen Facette im deutschen Requiem von Johannes Brahms und in der zuvor aufgeführten „Unvollendeten“ von Franz Schubert.

Die h-Moll-Symphonie Schuberts dem Werk von Brahms voranzustellen, stimmte schon auf das Thema des Abends ein: Wege finden, Realität bewältigen – das Lebensthema auch Franz Schuberts. Man kennt dieses Werk mit seinen Kreiselbewegungen, Abrissen, Kontrasten und endlos erscheinenden thematischen Linien. So überschaubar die zweisätzige „unvollendete vollendete“ Anlage wirkt, stellt sie die Ausführenden doch vor größte Herausforderungen. Das Bergische Kammerorchester zeigte sich bestens eingestellt und als musizierender Organismus. Die Ausführung war technisch höchst versiert. Die Gruppen musizierten bestens aufeinander abgestimmt. Die Interpretation war eindringlich und zeigte dem Hörer eine enorme Bandbreite zwischen vergeistigtem Kammermusikdialog und der Wucht des ultimativen Orchestertuttis. Es war der erste Höhepunkt des Abends.

Die Interpretation des sich daran anschließenden deutschen Requiems von Johannes Brahms erging sich nicht im erschlagenden Klangpathos, sondern berührte den Hörer auf eine andere Weise. Die überraschend vitalen Tempi wirkten erfrischend und rangen dem Werk Leichtigkeit und Zuversicht ab; hochdramatisch zwar, aber auf eine Lösung der brennenden Textfrage „Wes soll ich mich trösten?“ pochend. Die Erlösungswirkung in den beiden großen Chorfugen „Der gerechten Seelen sind in Gottes Hand“ und „Herr, du bist würdigt zu nehmen Preis und Ehre und Kraft“ war fulminant. Die Spannungsbögen, welche das Kammerorchester und die Kantorei unter der Leitung von Matthias Lotzmann inszenierten, nahmen den Zuhörer förmlich mit in das Geschehen hinein. Die sieben Teile des Requiem verschmolzen ineinander. Der Nummerncharakter des Werkes hörte auf, zu existieren. Frische, Leuchtkraft der Klangfarben und die hohe Elastizität der musikalischen Details ließen den Hörer an einer höchst lebensbejahenden Interpretation teilhaben, die naturgemäß von manchem überkommenen Bild Abschied nehmen ließ.

Beide Solisten, Alexander Schmitt (Bariton) und Helena Günther (Sopran), sorgten in ihren Partien für eine grandiose Inszenierung des „Herr, lehre mich, dass ich davon muss“ und des „Ich will euch wiedersehen“. Schmitt vermochte es anrührend, stimmlich und interpretatorisch alle Facetten des Sterbensmüssens abzubilden: Erschrecken, Verzweiflung und Anklage. Dabei brillierte er durch eine beeindruckende farbliche und dynamische Bandbreite seiner Stimme. Die Intimität seines Piano und die Geste seines großen Tons beeindruckten unmittelbar. Helena Günther sang von der ersten Empore „wie eine Stimme von oben“ auf die Ausführenden und Zuhörer herab. Sie gestaltete das „Ihr habt nun Traurigkeit“ innig, entwickelte wunderbare Bögen und berührte durch ein Timbre, das dem Charakter der Partie abgelauscht war. Zart und doch groß und entschlossen, erstrahlte ihre Stimme in Souveränität und technischer Perfektion.

Der Chor zeichnete sich durch eine beeindruckende mentale Präsenz aus, der Klang der Stimmen holte den Orchesterklang ab. Es entstanden wunderschöne dialogische Momente, die keine Wünsche offen ließen. Die große Aufgabe, die komplexe Partitur aufzuschließen und den unverwechselbaren Brahmschen Klang als sich entwickelnder Prozess und nicht als stehendes Ereignis entstehen zu lassen, wurde glänzend gelöst. Eine elegante Beweglichkeit in den Übergängen und Anschlüssen und eine große dynamische Bandbreite ließen das Oratorium zu einer dramaturgischen Entwicklung und Einheit werden, die fast siegreich anmutend in dem „Selig sind die Toten“ des letzten Satzes mündete. Nicht Totenkult, sondern die Hoffnung auf Leben verströmten Musik und Raum. Dabei zeigte sich der Chor technisch bestens disponiert und vorbereitet. Intonationssicher, die Frische der Stimme bis zum Ende bewahrend und niemals schleppend, erfuhren alle detaillierten musikalischen Anweisungen ihre Umsetzung.

Das Konzert endete in spürbarer Ergriffenheit aufseiten der Ausführenden wie des Publikums. Die Zuhörer dankten mit lang anhaltendem begeistertem Beifall.

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Nachruf für Almuth Timm

Almuth Timm im Chor Das Leben mit Almuth Timm ist nun zu Ende. Am Ende des Weges durch ihre schwere Krankheit hat sie am Samstag, dem 5. Juli 2014, ihre, wie sie selbst erbittend sagte, „leibliche Hülle verlassen.“ Vom Ringen müde und doch erfüllt von der Sehnsucht nach tiefem Frieden ist sie uns allen dorthin vorangegangen, wo wir vor Schmerz und Qual geborgen sein werden.Ich bin mir sicher, dass sie in dieser Zuversicht im Angesicht ihres Schicksals gerade auch noch in den letzten Wochen und Tagen gewachsen ist. Der Körper wurde matt, aber, der Eindruck war stark, der Friede in ihr wuchs. Davon hat sie auch gesprochen und man konnte es in ihren noch ganz wachen Augen sehen.Almuth Timm war mit großer Begeisterung und verlässlichem Engagement langjährige Sängerin in der Bergischen Kantorei Wuppertal und trug zugleich Verantwortung im Vorstand. Der Chor insgesamt und auch mancher im persönlichen und freundschaftlich vertrauten Umgang hat an ihrer ausgleichenden und zugleich immer einen eindeutigen Standpunkt beziehenden Persönlichkeit Teil haben dürfen. Sie war von der Musik begeistert und wach bei der Sache und wusste, welcher Schatz in diesem Musizieren für sie zutage trat. Das Singen war ein Schlüssel zu der Tür, Distanzen zu überwinden und Zurückhaltungen und Skepsis hinter sich lassen zu können. Hier blühte sie auf.
Almuth Timm hat da auch Antworten und Trost für ihr oftmals von tiefen Zweifeln und drastischen Zäsuren geprägtes Leben gefunden. Auf ihrem Sterbelager war dies Hauptgegenstand mancher Gespräche. Noch – besser erst recht –  in der Extremsituation erreichten sie die Klänge ihrer Musik und gaben ihr den Sinn und die Kraft, die sie zum Sterben können brauchte. Am Ende war Musik das Wesentliche und der vermissende Seufzer, ihr in den Lebenszeiten nicht noch intensiver nachgegangen zu sein, charakterisierten die letzten Gespräche. Bei aller Trauer und Verzweiflung an diesem Tode birgt gerade dies eine Perspektive. Diese Worte der Sterbenden sind da lebendig machender Antrieb, im Singen nicht nachzulassen und die Räume des Klangs als ein tröstliches Zuhause zu behalten und weiterhin darin zu sein. Warum kommt man erst, wenn es zum Wesentlichen kommt, auf das Wesentlichezu sprechen? Almuth Timm macht uns großen Mut, der Wunderkraft der Musik, ja, und auch dem in ihr eingekleideten Gotteswort zu vertrauen, dem, was wir singen, wirklich zu glauben, im Leben und im Sterben. Das vermag zu trösten und darin können wir alle fröhlich werden.Die Bergische Kantorei hat es ihr im Sterben mit den Worten von Matthias Claudius singend zugerufen und sie hat es noch gehört:                                     Gott, lass dein Heil uns schauen,

                                     auf nichts Vergänglich’s trauen,

                                     nicht Eitelkeit uns freu’n;

                                     lass uns einfältig werden

                                     und vor dir hier auf Erden

                                     wie Kinder fromm und fröhlich sein.

 

                                     Wollst endlich sonder Grämen

                                     Aus dieser Welt uns nehmen

                                     Durch einen sanften Tod;

                                     Und wenn du uns genommen,

                                     lass uns in’ Himmel kommen,

                                     du unser Herr und unser Gott.

 

Almuth Timm ist in unseren Herzen. Wir vermissen sie sehr.

 

Matthias Lotzmann

 

Rückblick: Händel, „Der Messias“ in der Fassung von Mozart

Starker Ausdruck und souveräne Technik schaffen bewegende Eindrücke

Händels Messias in der Fassung Wolfgang Amadeus Mozarts
in der Alten Kirche Wupperfeld am 7.12.2013 bewegte die Gemüter

 

Händels Oratorium The Messia stellt bei jeder Aufführung eine immense technische und musikalische Herausforderung für alle Beteiligten dar. In der kuriosen Fassung Mozarts werden diese Hürden hinsichtlich Präsenz und dem Anspruch an das Miteinander im Musizieren nochmals gesteigert. Das waren die Bedingungen der Aufführung in der Alten Kirche Wupperfeld am 7. Dezember 2013. Die Erwartungen an die vier Solisten Helena Günther (Sopran), Heike Bader (Mezzosopran), Marco Schweizer (Tenor) und Alexander Schmitt (Bariton), die Bergische Kantorei Wuppertal und das Bergische Kammerorchester unter der künstlerischen Leitung von Matthias Lotzmann waren hoch gesteckt.

Das die Kirche nahezu füllende Publikum wurde nicht enttäuscht. Schon mit dem Auftakt des Abends, der Ouvertüre zu Mozarts später Oper La clemenza di Tito zeigte sich das Orchester höchst musizierfreudig und bestens disponiert; eine hohe Energie durchströmte alle Instrumentengruppen von Beginn an. Hohes Tempo, ein agitierender Klangstrom und eine beeindruckende von Kulmination zu Kulmination strebende Präzision gaben einen verheißenden Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf des Abends. Die Vitalität des Orchesters rief die Mitwirkung des Chores förmlich herbei.

Und der Chor kam: größtmögliches Ausdrucksvermögen, eine atemberaubende Bandbreite der dynamischen Abstufungen und eine makellose technische Umsetzung der Partitur machten die Kantorei zum musikalischen Garanten des Abends. Die dramaturgische Hoheit lag in ihren Händen. Sie wurde allen Anforderungen mit großer Leichtigkeit gerecht. Ausgewogene Klanglichkeit zwischen den Stimmen, stets saubere Intonation und ein wissendes Singen beeindruckten den Hörer sehr. Diesem Rahmen konnten sich die Solisten unter der umsichtigen und gestalterisch kraftvollen Leitung von Matthias Lotzmann beruhigt anvertrauen. Sie taten es mit Bravour. Die innige Ausleuchtung der berühmten kontemplativen Arien durch Helena Günther (Sopran), gepaart mit dem klanglichen Schmelz ihrer vitalen jungen und zugleich erfahrenen Stimme standen der gestalterischen Kraftfülle und suggestiven Intensität der Tenorpartie des brillierenden Marco Schweizer gegenüber. Hohe Energie und technische Perfektion zeichnete den Einsatz von Bariton Alexander Schmitt aus. Elastizität, Bewegungsfreude und das fulminante Klangspektrum zwischen lyrischem Piano und raumgreifendem Forte zeichnen diesen hochprofessionellen Sänger aus. Mit beeindruckender Souveränität überzeugte die warme, klangvolle Stimme von Heike Bader, die die rezitativischen und ariosen Partien in ihrer Gegensätzlichkeit umzusetzen vermochte.

Ein kleiner Ausschnitt der Passionshandlung des zweiten Teils des Oratoriums wurde mit Blick auf die adventliche Kirchenjahreszeit durch die Maurerische Trauermusik von Mozart als Einschub ersetzt. Die filigranen Klangpartien dieses fast nur Kennern bekannten Werkes, die unwiderstehlichen Spannungssteigerungen und herrlichen Holzbläserfarben schufen eine gläserne Sphäre, wie sie der Musik Mozarts in seiner späten Zeit eigen ist.

Dieser Abschnitt war dann auch der Beginn einer atemberaubenden sich immer mehr ausweitenden Schlusssteigerung durch den gesamten dritten Teil des Abends, welche erst im letzten Klang der großen Amen-Fuge ihren Abschluss und zugleich ihre Lösung fand. Das Publikum war hingerissen und dankte es mit lang anhaltendem Beifall, dem wiederum mit der Wiederholung des großen „Amen“ begegnet wurde. „Amen, würdig ist das Lamm, zu nehmen Preis und Macht und Ruhm und Lob.“ Ein denkwürdiger, beeindruckender und für den gewogenen Hörer unvergesslicher Abend.

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