Teil 1: „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn …

Von Matthias Lotzmann, als Vortrag gehalten in Wuppertal am 18. September 2010

 

Titelblatt des Erstdrucks der Schöpfung

Titelblatt des Erstdrucks der Schöpfung

Dieses erste Oratorium Joseph Haydns gilt als sein berühmtestes und bedeutendstes Werk. Seine Reize und Kostbarkeiten gibt es nicht, wie die Beethovensche oder Mozartsche Musik, von Beginn an preis.

Sie will erhört und ergründet, – bedacht werden.

Es ist – und das klingt paradox – die revolutionäre Musik eines Konservativen; keine Bilderstürmerei, sondern Vorgehen mit Bedacht; kein vorschnelles Überbordwerfen vorfindlicher Prinzipien und Techniken um des „Neuen“ willen; keine Experimente aus der Lust am Ausprobieren.

 

 

Siegel Joseph Haydns

Siegel Joseph Haydns

Joseph Haydn ist ein Brückenbauer zwischen den Zeiten und Stilen. Er erscheint auf der europäischen Musikbühne als Diplomat zwischen den Regionen und Ideologien. Der Kampf Beethovens um die aufklärerischen Ideale ist ihm fremd, das Streben Mozarts nach Schaffensautonomie um seiner selbst Willen wurde sein Weg nie. Allerdings: Es ist Haydn, der zwar lebenslang offiziell im fürstlichen Anstellungsverhältnis verbleibt, aber dennoch alle Freiheiten und Ansprüche an seine Schaffensbedingungen und seine musikalischen Vorstellungen vollkommen umsetzen kann.

Es ist die Zeit eines noch nie da gewesenen Umbruchs in Europa: Politische Radikalisierung und Restauration begannen, die kulturelle Einheit des Kontinents zu zerreißen. Das Eigenartige ist: Joseph Haydn genoss jenseits aller Fronten größte Anerkennung. Und es bedurfte der kulturell vermittelnden und ausgleichenden Kompetenz wirklich sehr. Es ist dieser zurückhaltende und im Wesen bescheidene Mann, dem in der Phase des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs vor der Jahrhundertwende 1800  die musikalische Vertonung der Genesis abgenommen, quasi aus den Händen gerissen wird; in einer Zeit  gerade der Lösung von den religiösen Prioritäten und der Preisgabe der Traditionen. Revolution und die Vertonung der Genesis, einen größeren Gegensatz kann man kaum formulieren – wie geht das zusammen? Oder ist Haydns „Schöpfung“  gar ein politisch restaurativer Akt, einfädelt von „ganz oben“?

 

Wir werden sehen: Ein „Entweder-Oder“ gibt es hier nicht.

Teil 2: Das Erwachen des 3. Standes

Das Erwachen des 3. Standes

Das Erwachen des 3. Standes

Etwas Undenkbares war im Juli 1789 in Paris geschehen: Die Bastille brannte, Louis XVI. war festgesetzt worden. Was erst nach nur einem tobenden Mob aussah, hielt dann die ganze Welt in Atem. Eine durch die Aufklärer und Enzyklopädisten schon seit den 1720er Jahren „gedachte“ Idee von der Freiheit des Menschen begann, sich einen handfesten politischen Weg zu suchen. In den mehreren Phasen und radikalen Etappen der Revolution brach sich dort eine neue Ordnung Bahn, durch die ganz Europa – teils entzückt, teils erschreckt – erbebte.

Bevor die Revolution ihre eigenen Kinder fraß, raffte sie das alte Denken dahin – die Zöpfe wurden abgeschnitten.

Aber auch dort, wo noch die Fürsten im Regiment saßen, dachte man schon in den neuen Bahnen, im aristokratischen Wiener Palais ebenso wie im aufgeklärten Preußen. Aber noch hatte der letzte französische König und mit ihm Marie Antoinette in Paris den Gang zur Guillotine nicht getan. Noch schienen die Dinge unentschieden in der Schwebe zu sein und das brodelnde Frankreich wirkte vor allem auch strategisch in jeder Hinsicht instabil als eine leichte Beute. Das weckte im übrigen „Mächtesystem Europa“ neue Begehrlichkeiten und Allianzmodelle. Zugleich suchte man aber auch die revolutionäre Krankheit vor allem auf der Seite Habsburgs einzudämmen. Die kommenden Kriege standen also schon auf dem Tableau. 

Teil 3: „Schöpfungs“-Euphorie

Kompositorisch ist die „Schöpfung“ vordergründig ein Reflex auf die zwei ersten Englandreisen Haydns in eben jener Zeit, zu Beginn der 1790er Jahre.

In London herrschte ein ganz anderer Geist. Das Beeindruckendste war für Haydn die unerwartete Konfrontation mit einer ungebrochenen und vitalen Händel-Rezeption. Dessen Oratorium „Messiah“ wurde in jedem Jahr mit einem gigantischen Musikapparat aufgeführt. Dort war es nach dem Tod Händels zu einer ungebrochenen Traditionslinie geworden. Diese Eindrücke schlugen sich bei Joseph Haydn später direkt in der Komposition der „Schöpfung“ nieder. Manchem Anthem und den Fugen spürt man die Verwandtschaft zur Händelschen Klangsprache unmittelbar ab.

Schon um 1800 gab es in ganz Europa eine Vielzahl von Aufführungen in der jeweiligen Landessprache:

Nie hat ein musikalisches Kunstwerk eine solche Sensation erregt und ein so ausgebreitetes Publikum gefunden, als Joseph Haydns Schöpfung“,

… so steht es im Intelligenzblatt des Journals des Luxus und der Moden im November 1801 vermerkt. Dann, im weiteren Verlauf stellte sich geradezu eine „Schöpfungs“-Euphorie ein.

Interessant ist die unterschiedliche Konnotation, die dem Werk in der gesamten europäischen Staaten- und Kulturwelt widerfuhr. In den Ländern der antifranzösischen Allianz galt es als gelungene aufklärerische, zugleich aber im tiefsten als religiös empfundene Musik. Diese besondere Stellung des Werkes hatte u. a. zur Folge, dass es in primär römisch-katholischen Städten keine Aufführung in den Kirchen geben konnte, weil zu fortschrittlich. Der Kompromiss war dann dort das Ausweichen in den städtischen Saal. In protestantischen Landen war die „Schöpfung“ von Beginn an auch in den Kirchen zuhause.

Erstaunlicherweise stand die „Schöpfung“ auch im revolutionsgeschüttelten Paris in hohem Kurs, galt sie hier doch als antikirchliche, geradezu vorbildhafte Musik der neuen Zeit, als „vernunftsreligiöse“ Kunst:

„Der Patriarch der neuern Musik, der berühmte Haydn wird in unsrer Hauptstadt erwartet …“

Die französische Erstaufführung, genauer der Beginn des Orchestervorspiels war zudem überschattet von einem Attentat auf Bonaparte, das dieser unbeschadet überlebte und direkt anschließend regungslos in seiner Loge Platz nahm, um dieser Musik zu lauschen; ein Urteil der „Vorsehung“?