Haydns Reisen und Orientierung nach London könnte man auch als eine Form der Parteinahme verstehen, galt doch der englische Raum als Hort des kulturellen Fortschritts. Das epische Gedicht Paradise Lost („Das verlorene Paradies“) (1674 in 12 Bänden erschienen) von John Milton – Teil der Textvorlage – thematisiert wie auf einer imaginären Bühne den immerwährenden Widerstreit zwischen den himmlischen und satanischen Mächten und die unauflösliche Verstricktheit des Menschen in diesen gigantischen Weltenkampf.
Hier verwundert Haydns Titelwahl „Die Schöpfung“ sehr, beschreibt sie doch den positiven Aspekt göttlichen Willens und Handelns und nicht die aus dem „Fall Adams“ resultierende Vertreibung aus dem zuvor erschaffenen Garten Eden. Haydn aber bricht an genau dieser Stelle mit der dichterischen Vorlage, weshalb sein Werk viel mehr als das „Vertonen“ der zusammengefügten Textteile bedeutet. Denn anders als es der Ténor des Epos Miltons kämpferisch fordert, wird in der Klang- und Formensprache der „Schöpfung“ um das Gute nicht gerungen, die Wahrheit wird nicht erstritten, sondern mit den Worten der Bibel attestiert:
„…es ist …“ und „… und es ward so …“
Einem Naturgesetz gleich, wird der Hörer der Hände Gottes Werk ansichtig, staunend wird diese Tat wie ein Gemälde enthüllt. Das Weltenbild des Widerstreits zwischen der guten Kraft Gottes und den satanischen Mächten, wie es der barocken Weltbühne entspricht, weicht einer abstrahierten ideellen Vorstellung. Dieser Wandel bedarf bei Haydn keine Revolution, weder künstlerisch noch politisch. Der Wandel bedarf eines anderen Ausgangspunktes und des neuen Horizontes gleichermaßen. Dementsprechend verbirgt sich das Geheimnis der Haydnschen Tonsprache – viel weniger als noch in den vergangenen Jahrzehnten gelehrt – in der Neuschöpfung eines musikalischen Stilidioms, als viel mehr in der Verwandlung und Neuanordnung der vorfindlichen Stilmittel.
Der scheinbare Widerspruch der beiden Lebenswirklichkeiten, die Haydn bestimmt haben, bringen dies deutlich zum Ausdruck: auf der einen Seite der spätfeudalistische, agrarisch geprägte Raum auf Schloss Esterhaza; auf der anderen Seite die zukunftzugewandte Metropole London, in der die in England im vollen Gange befindliche industrielle Revolution zum Wohlstand der neuen und alten Eliten, aber auch der Manifestierung der Klassengesellschaft geführt hat.
„Die Schöpfung“ favorisiert eine Tonsprache, die mit Mitteln einer kunstvollen Einfachheit die Ursprünglichkeit des Schöpfungsgedankens an sich und die Klarheit des göttlichen Willens und Wortes zum Ausdruck bringt.
Joseph Haydn betreibt mit dem Projekt „Schöpfung“ keine rückwärtsgewandte Nostalgie. Sein Ziel ist es nicht, einen Weg zurück in das von Klerus und absolutistischer Herrschaft geprägte 17. Jahrhundert zu finden. Haydn begeistert sich mit dem Textbuch Miltons für die ideellen Ansichten des Verfassers über Welt, Gesellschaft und Staat. Diese kommen bei Milton vor allem über das Mittel der Sprache und des Stils zum Tragen. Die Dogmatik bleibt natürlich den tradierten Vorstellungen seiner Zeit verbunden.
Haydn bricht mit der dogmatischen Ausrichtung auf eine Erlösungstat Christi. Sein Menschenpaar Adam und Eva stehen nicht als die Vertreter der „gefallenen Schöpfung“, als die ersten Protagonisten der „Erbsünde“-Lehre da, sondern verkörpert den guten Schöpfungswillen Gottes in personam. Gemäß dieser sogenannten „aufgeklärten Frömmigkeit“ müssen die wesentlichen Elemente die Erzählung des „Jahwisten“ zurücktreten (Baum der Erkenntnis, Vertreibung aus dem Paradies, Brudermord). Als Protagonist dieser Moderne projiziert Haydn eben diese Hoffnungen und Wünsche auf die Form des Schöpfungsmythos.
„Am Anfang war … und es war gut so.“
! Gott, der Schöpfermächtige, Held und Willensträger. Ist Gott womöglich selbst ein aufgeklärter Denker!?! – so fragen die Zeitgenossen.
Das Werk Haydns führt den Hörer als Staunenden in die Gesetze der Erhabenheit und Schönheit ein. Sind sie es nicht, die Ideale der Schönheit und Einfalt, die die Aufklärung bezeugen. Theologie und Ästhetik des späten 18. Jahrhunderts nähern sich in diesem Werk beträchtlich an, ja die Grenzen lösen sich bei Haydn fast auf.
Joseph Haydn ist hinsichtlich des geistes- und naturwissenschaftlichen Standes seiner Zeit höchst kenntnisreich. In der Metaebene, dem Hintergründigen, gibt er sich als musikalischer Philosoph zu erkennen.
Dass er das Sujet der „Schöpfung“ gerade Mitte der 1790er Jahre für zwei Jahre (!) in das Zentrum seines Schaffens rückt, muss aber auch als deutliche Bezugnahme zu den politischen und kulturellen Umbrüchen in Europa verstanden werden.
Aber diese große musikgeschichtliche Dimension birgt auch Haydns persönliches Schicksal in sich: Fürst Nikolaus I. Esterhazy verstirbt 1790 in Wien. Dieser, „der Prachtliebende“ genannte Potentat ermöglichte bis dahin Haydn Werdegang durch das Engagement eines festen Orchesters und einer eigenen Oper auf Schloss Esterhaza. Der Nachfolger, Fürst Anton, unternimmt als eine seiner ersten Handlungen die Auflösung eben dieser Hofkapelle.
Der mittlerweile zu Ruhm und Ehren gelangte Haydn steht unversehens und ungewollt im fortgeschrittenen Alter auf freischaffenden Füßen.